Die Eiskapelle hat von allen deutschen Gletschern die besten Überlebenschancen
Gleich 2 Jubiläen waren der Anlass, dass der Verein zum Schutz der Bergwelt ( VzSB ) den Nationalpark Berchtesgaden zum Ziel seiner diesjährigen Exkursion am 19. Juni machte: das 100-jährige Bestehen des "Pflanzenschonbezirks Berchtesgadener Alpen", der 1978 in den Nationalpark Berchtesgaden überging, und das 110-jährige Bestehen des VzSB, der den Pflanzenschonbezirk einst initiierte. Erstmalig beteiligten sich auch die Sektionen München und Oberland an der Exkursion, die im offenen Veranstaltungsprogramm als "Bus & Bahn"-Tour angekündigt war.
Um 7.42 Uhr besteigen wir Münchner am Hauptbahnhof den Zug Richtung Salzburg und erreichen nach 3 Stunden Fahrt, die wir als lang empfinden, und Umsteigen in Freilassing Berchtesgaden Hauptbahnhof. Vom Bahnhof bringt uns ein RVO-Linienbus zum Königssee, wo die "Falkenstein", ein gechartertes Boot der Königsseeschifffahrt, auf uns wartet. Die "Falkenstein", Baujahr 1922, ist eines der 18 elektrisch angetriebenen Schiffe, aus denen die Königssee-Schiffsflotte heute besteht. Bereits 1909 begann die Motorschifffahrt auf dem Königssee mit einem Elektromotorboot und zwei Dampfmaschinenbooten. Im Lauf der Zeit haben sich jedoch die Elektroboote aufgrund ihrer absoluten Freiheit von Abgasen und der geringeren Betriebskosten durchgesetzt. Lautlos gleitet die "Falkenstein" durch das Wasser, während Rudi Erlacher, geschäftsführender Vorsitzender des VzSB, die Teilnehmer begrüßt. Unter ihnen sind Prof. Dr. Hartmut Grassl, Klimaforscher am Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hubert Zierl, ehemaliger Direktor des Nationalparks Berchtesgaden, Dr. Michael Vogel, amtierender Nationalparkdirektor, Andreas Wolf, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher und Suitbert Kastner von der Bergwacht Berchtesgaden. Einige der genannten Personen werden am Nachmittag noch als Referenten auftreten. In St. Bartholomä mit seiner bekannten Wallfahrtskapelle gehen wir an Land. Inzwischen regnet es kontinuierlich, die Watzmann-Ostwand ist in Regenwolken gehüllt. Aber trotz dieser widrigen Bedingungen lassen sich die ca. 50 Teilnehmer ihre gute Laune nicht verderben und steigen zur Eiskapelle auf, jenem bekannten Eisfeld in nur 900 m Höhe am Fuße der Watzmann-Ostwand. Im Blockgelände vor dem Eis bleiben wir stehen und hören Prof. Grassl und Suitbert Kastner gespannt zu. Wie ist es möglich, dass die Eiskapelle in so geringer Höhe überlebt, während der nur ein paar Kilometer entfernte und in ca. 2000 m gelegene Blaueisgletscher in den letzten Jahren deutlich an Masse verloren hat? Grund für das Überleben der Eiskapelle in so geringer Höhe, so Prof. Grassl, ist die "Lawinennahrung" aus der Watzmann-Ostwand. Schneewolken aus dem Westen lagern ihre Fracht zunächst in der Ostwand ab. Nach einer gewissen Zeit gehen die Schneemassen dann als Lawinen nieder und sammeln sich im Trichter der Eiskapelle. Das Einzugsgebiet der Eiskapelle, die riesige Ostwand, ist wesentlich größer als das der anderen bayrischen Alpengletscher, weshalb die Eiskapelle die besseren Überlebenschancen hat. Überlebenswichtig sei jedoch ein alljährlicher Kaltlufteinbruch mit Schneefällen im Sommer. Blieben diese Schneefälle aufgrund der globalen Temperaturerhöhung aus, würde die hochreflektierende Neuschneeauflage fehlen und der Gletscher unaufhaltsam abschmelzen. Suitbert Kastner (76) ist ein drahtiger Mann, dem man sein Alter nicht ansieht. Als Polizeibergführer a.D. und aktiver Berwachtmann in Berchtesgaden seit 1954 kann er aus Erfahrung sprechen: Von den 99 Toten, die die Watzmann-Ostwand bis jetzt forderte, hat er über 50 mit geborgen. Auf den 100. Toten wartete in der letzten Saison ein Fernsehteam, das extra nach Berchtesgaden gereist war und sich eine Woche in einem Hotel einquartierte – vergeblich. 75 Ostwandbegehungen hat Kastner selbst hinter sich, davon eine in der Rekordzeit von nur 3½ Stunden. Zu medizinischen Untersuchungen, wie er selbst sagt. Die erste Durchsteigung der gewaltigen, 1900 Meter hohen Wand gelang am 6.6.1881 dem Ramsauer Bergführer Johann Grill, nach seinem Hausnamen bekannt als "Kederbacher". Die Aufstiegsroute des Erstbegehers trägt noch heute den Namen Kederbacher Weg. Inzwischen ziehen 5 Routen mit unterschiedlichen Schwierigkeiten durch die Ostwand, die in jeder Saison von ca. 300 Bergsteigern begangen werden. Wer von der harten Sorte ist, probiert es auch im Winter. Aber davon rät Suitbert Kastner ab. Die Wand sei im Winter "hochgefährlich". In einer knappen Stunde wandern wir zurück nach St. Bartholomä und kehren in der gleichnamigen Gastwirtschaft ein. Der Saal ist für uns reserviert, wir essen und trinken, wärmen uns auf. Hauptdelikatesse auf der mehrseitigen Speisekarte ist die "Königssee-Forelle" in verschiedenen Variationen. Um uns auf den Geschmack zu bringen, stellen die Kellner gratis auf jeden Tisch ein Exemplar. Als kostenlose Vorspeise sozusagen. Nach dem Mittagessen referieren Prof. Grassl, Andreas Wolf und Hubert Zierl über die Gebiete, in denen sie ausgewiesene Experten sind. Klimaforschung, Höhlenforschung – an der Eiskapelle gibt es auch eine Eishöhle – und über den Nationalpark Berchtesgaden, den einzigen Nationalpark im deutschen Alpenraum. Vieles, was wir schon im Gelände gehört haben, bekommen wir nochmals als Powerpoint-Präsentationen geboten. Um 18.30 Uhr geht es mit der "Falkenstein" zurück. Es regnet noch immer und Suitbert Kastner erzählt noch ein paar Anekdoten rund um die Watzmann-Ostwand, bis wir in Königssee von Bord gehen. Kurz vor 23 Uhr sind wir wieder zurück in München. Dr. Georg Kaiser, Naturschutzreferent der Sektion München
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