Müllaktion im Brauneck-Gebiet
Es ist mild, und ein leichter Föhn bringt uns einen niederschlagsfreien Tag inmitten einer Schlechtwetterperiode. 12 Mitglieder der Jungmannschaft der Sektion München unter der Leitung von Schorsch Wirth fahren mit der BOB nach Lenggries und wandern dann vom Bahnhof weiter zum Treffpunkt am Draxllift bei Wegscheid. Sie setzen sich auf den Anhänger von Bauer Gerg und lassen sich die steile Forststraße hinauffahren zur Kotalm im Brauneckgebiet. Alle sind sicherungstechnisch bestens ausgerüstet: Karabiner, Bandschlingen, Prusiks hängen an ihren Klettergurten. Aber zum Klettern soll es heute nicht gehen. Sie opfern ihren freien Samstag für eine ganz andere Aktion.
Der Müll, den die freiwilligen Helfer heute bergen wollen, liegt versteckt in einer 45° steilen Schlucht unweit der Kotalm. Wer auf der Forststraße zur Talstation des Skilifts geht, sieht ihn nicht. Tritt man aber an die Hangkante heran, entdeckt man ein bis zum Murbach hinunter reichendes Müllfeld. Wie lange es die wilde Müllhalde schon gibt, lässt sich nicht mehr feststellen. Entdeckt wurde sie im vergangenen Jahr von einer Naturschutzfachkraft des Landratsamtes Bad Tölz. Die Diversität der Fundstücke lässt aber darauf schließen, dass hier schon jahrzehntelang Müll abgeladen wurde und auch noch abgeladen wird.
Edu Koch, Bergführer bei der Sektion München, der die Aktion sicherheitstechnisch begleitet, war schon beim ersten Vorort-Termin im Mai dabei und kennt die Tücken des Geländes. Er legt Wert darauf, dass alle ihren Helm aufsetzen, denn in dem steilen Gelände kann es immer zu Steinschlag kommen. Dann fixiert er ein paar Seile an Bäumen und wirft sie in den Hang. Erst jetzt steigen wir in den Hang ein und können an den Seilen gesichert parallel arbeiten. Wir haben uns vorgenommen, nur das, was an der Oberfläche liegt, zu bergen. Aber manche Teile sind im Laufe der Jahres so fest eingewachsen, dass wir graben müssen. Über einem Waschbecken liegt eine ca. 20 cm dicke Humusschicht. Die Vielfalt dessen, was man hier findet, ist groß: Autoreifen mit und ohne Felge, Elektrokabel, Farbkübel, Senfeimer, wie man sie von Betriebsküchen kennt, Fässer und sogar Munition. Auch Bauer Gerg, der Grundstückseigentümer, ist mit im Hang und steuert über Fernbedienung auf unsere Kommandos hin die Seilwinde an seinem Traktor, die die mit Müll gefüllten Big-Bags langsam den Hang hinaufzieht.
Das meiste wird ungeprüft in die Müllsäcke gesteckt, manche Gegenstände aber schauen sich die Finder genauer an und rätseln, woher das Teil stammen könnte. Ein alter Teelöffel z.B.: die aufgedruckten Symbole Hakenkreuz und Reichsadler passen zur Jahreszahl: 1939. Damals war Tölz einer der bedeutendsten Ausbildungsstandorte der SS. Auch verschiedene Arten modernerer Munition, Platzpatronen und Leuchtspurmunition, werden gefunden. Sie müssen aus einer Zeit stammen, als Tölz und Lenggries noch Armee-Standorte waren. Unter den Einheimischen kursieren verschiedene Thesen und Theorien, wie das Müllloch entstanden sein könnte. Die Almbauernschaft verdächtigt den Alpenverein; hatte doch die Sektion vor Jahrzehnten an der Kotalm eine Selbstversorgerhütte gepachtet. Sepp Mayer, Hüttenwirt der Kotalmhütte, hält es sogar für denkbar, dass durch den Luftzug, der beim Starten und Landen von Hubschraubern entsteht, das eine oder andere Trumm den Weg in die Schlucht gefunden hat. Das könnte man sich gerade noch für die unzähligen Eierschalen, die an der Hangkante liegen, vorstellen, nicht aber für sperrige, schwere Teile wie Autoreifen oder Waschbecken. Nein, was hier herumliegt, stammt weder von einer Selbstversorgerhütte noch wurde es vom Wind verblasen. Hier wurde von Ortskundigen und vom Militär skrupellos entsorgt. Und das jahrzehntelang bis heute.
Benedikt Pfaller, beim Landratsamt Bad Tölz verantwortlich für die Abfallwirtschaft, hat die Aktion behördlicherseits koordiniert und auch den Kontakt zu Bauer Gerg hergestellt. Auf dem Anhänger von Bauer Gerg, mit dem der Müll ins Tal transportiert werden soll, entleert er Müllsack für Müllsack und sortiert grob: Flaschen, Metallteile, Kunststoffe, Verbogenes, unkenntlich Gewordenes.
Um 15.30 Uhr ist der Anhänger bereits voll, und wir müssen unsere Arbeit deshalb für heute einstellen. In der Kotalmhütte hat Hüttenwirt Sepp Mayer schon gekocht. Es gibt Schweinebraten auf Kosten des Hauses. Für die Getränke kommt das Landratsamt Bad Tölz auf. Nach dem Essen zeigt uns Mayer voller Stolz seine Hüttenbücher. Soldaten der unterschiedlichsten Waffengattungen haben sich darin in Wort und Bild verewigt. Einige haben sogar über ihre harte Ausbildung im Gebirge Gedichte geschrieben oder lustige Skizzen angefertigt. Kein Wunder also, dass man heute im Gelände noch die eine oder andere Patrone findet.
Wenn auch an diesem einen Tag nicht alles entsorgt werden konnte, was sich über Jahrzehnte angesammelt hat, so waren doch am Ende alle Beteiligten zufrieden. Das bestätigte im Nachhinein auch Landrat Josef Niedermaier in einem Schreiben an die Sektion München.
Dr. Georg Kaiser Naturschutzreferent der Sektion München
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