Bergwaldtagung 2011 in Bad Tölz
Das Logo zum Internationalen Jahr der Berge zeigt skizzenhaft einen Baum mit einer runden Krone. In der Mitte der Krone befindet sich ein Mensch, der Arme und Beine von sich streckt. Am Rand der Krone sind ein Steinbock, ein Laubblatt, eine Ente, ein Kriechtier, ein Nadelzweig, ein Haus, eine Regenwolke, ein Apfel und eine Arzneimittelflasche zu erkennen. Das Logo lässt viel Spielraum für Interpretationen. Eine mögliche könnte sein: der Wald, dargestellt durch die Baumkrone, ist ein komplexes, biodiverses System. Es beherbergt verschiedene Baumarten, Tiere und Pflanzen. In ihm reifen Früchte heran, manche enthalten heilsame Essenzen. Er reguliert den Wasserhaushalt und ist mit seinem Rohstoff Holz Lieferant für Baumaterial. In der Mitte aber steht der Mensch, der alles nutzen darf, was der Wald ihm bietet. Der Bergwald mit seinen Funktionen muss heute viel aushalten. Er ist Erholungsraum für gestresste Städter, Schutzwall gegen Lawinen und Steinschlag, Biotop, Rohstofflieferant und er reguliert den Wasserhaushalt. Was ist zu tun, damit der Wald seine vielfältigen Funktionen auch zunkünftig erfüllt, und wie könnten die unterschiedlichen Interessen am Wald unter einen Hut gebracht werden?
Darum ging es in der Tagung "Berg – Wald – Mensch", mit der der Deutsche Alpenverein, die Bayerischen Staatsforsten und die Bayerische Forstverwaltung ihren Beitrag zum Internationalen Jahr der Wälder leisten wollten. 124 Teilnehmer kamen am Wochenende 7.–9. Oktober 2011 nach Bad Tölz und diskutierten in Workshops über die Themen "Umweltbildung im Wald", "Bejagungskonzepte", "Bergwaldbewirtschaftung und Naturschutz" und "Naturnahe Erholung". Die Größe und Vielschichtigkeit des Teilnehmerkreises zeigen, wie breit das Interesse am Bergwald gestreut ist. Es waren Förster, altgediente und solche, die es werden wollten, Studenten, Lehrer, eine Ärztin, Jäger, Naturschutzreferenten von Alpenvereinssektionen, Vertreter des DAV-Präsidiums und des Ressorts Hütten und Wege, Beamte von Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Vertreter des Landwirtschaftsministeriums und Privatwaldbesitzer.
Hochrangige Referenten waren gekommen: Reinhardt Neft, Vorstand der Bayerischen Staatsforsten, Sepp Spann, Vorsitzender des Bayerischen Waldbesitzerverbandes, Georg Windisch, Vorsitzender der Bayerischen Forstverwaltung und Prof. Ralph Roth von der Sporthochschule Köln. Der DAV war durch Vizepräsident Ludwig Wucherpfennig und Hanspeter Mair, Leiter des Ressorts Umweltschutz, vertreten.
Die Bergwaldwirtschaft war eines der großen Themen in Bad Tölz. Für die Leute vom Forst ist eine Bewirtschaftung des Bergwaldes unerlässlich und selbstverständlich. Nicht nur, um die waldbaulichen Leitziele zu erreichen, sondern auch deshalb, weil sie alle bei den Bayerischen Staatsforsten in Lohn und Arbeit stehen und damit vom Wald leben. So wie auch die Privatwaldbesitzer. Hans Baur, Geschäftsführer des Bayerischen Waldbesitzerverbandes, merkte ergänzend an, dass das Geschäft mit dem Holz im bayerischen Alpenraum schon seit eh und je ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sei. Verdankte doch Bad Tölz der Holzflößerei auf der Isar, die bis zum Bau des Sylvensteinspeichers betrieben wurde, maßgeblich seine wirtschaftliche Blüte. 1936 kamen noch über 600 Flöße nach München.
"Warum sollte nicht mit der saubersten Wirtschaftsform überhaupt, einer nachhaltigen Forstwirtschaft, nicht auch heute Geld verdient werden?", fragte Rudolf Plochmann, Leiter des Forstbetriebes Bad Tölz in seinem Vortrag zu einem der Workshops, in dem es um Waldbewirtschaftung ging. Ca. 45 Mio. € Umsatzerlös jährlich haben allein die 7 bayerischen Hochgebirgsforstbetriebe in den vergangenen Jahren erwirtschaftet. Auf 84.000 ha, das sind 60 % der im alpinen Gelände gelegenen Staatswaldfläche, werden Holzerntemaßnahmen durchgeführt. Reinhard Neft stellte in seinem Vortrag vor, nach welchen Grundsätzen dabei vorgegangen wird:
• Leitbild strukturreicher Mischwald
• selektive Nutzung, d. h. keine Kahlschläge
• sachgerechte Erschließung
• frühzeitige Pflege
• Sicherung der Waldverjüngung
• umweltfreundliche Borkenkäferbekämpfung
• integrierter Naturschutz
• schonende Holzernteverfahren.
Wer einmal einem Harvester bei der Arbeit zugeschaut hat und weiß, wie die Waldwege nach den "Holzerntemaßnahmen" aussehen, dürfte beim letzten Punkt begründete Zweifel haben. Neft machte auch keinen Hehl daraus, dass es zur Erschließung des Waldes weiterer Forstwege bedürfe. Den Vorwurf eines Naturschutzreferenten, die Bayerischen Staatsforsten hätten Verträge mit russischen Papierherstellern und würden Spessart-Holz zu Dumping-Preisen nach Russland exportieren, wies Neft scharf zurück: "Wir haben keine". Gemeint waren die Verträge, und man merkte, dass ihm das Thema nicht passte. Mehrfach wurde der DAV gelobt, der mit seiner Aktion "Schutzwald" die örtlichen Forstbetriebe bei der Sanierung von Schutzwaldflächen unterstützt.
Freilich konnte auch die Bergwaldtagung in Bad Tölz die alten Gräben zwischen Schützern und Nützern nicht zuschütten. Die Förster und Jäger auf der einen Seite bemühen sich um den Erhalt des Waldes, der Erholungssuchende auf der anderen Seite möchte im Wald ausspannen und fühlt sich durch Harvester und kreischende Motorsägen gestört. Und den Freund der unberührten Natur nervt beides: zuviel Forstwirtschaft und zuviel Tourismus. Aber Projekte wie "Skibergsteigen umweltfreundlich", das auf der Tagung stark vertreten war, zeigen, dass sich Schützen und Nützen sehr wohl unter einen Hut bringen lassen. Es herrschte ein angenehme, von viel Sachlichkeit und gegenseitigem Respekt geprägte Atmosphäre. Die Bereitschaft zum Dialog war unverkennbar. Und wenn wir das nächste Mal gemütlich in der rustikalen Bauernstube bei der Brettljausen sitzen, sollten wir nicht vergessen: Auch wir sind Holznutzer.
Dr. Georg Kaiser Naturschutzreferent der Sektion München
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