Deutscher Alpenverein München & Overland

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Der Ecuadoraustausch

Bereits seit vielen Jahren besteht eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der Alpenvereinssektion Oberland und der "Asociacion de Excursionismo y Andinismo de Pichincha" in Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Kernstück dieser Verbindung ist ein regelmäßiger Jugendaustausch der beiden alpinen Vereine. 

Alle zwei Jahre bildet sich eine Gruppe von ca. zehn bergsportbegeisterten und reiselustigen Jugendlichen der Sektion Oberland zwischen 18 und 25 Jahren und reist auf Einladung der ecuaodorianischen Jugendlichen zum Bergsteigen in die Anden. Im folgenden Jahr organisieren sie dann einen Gegenbesuch der Ecuadorianer zum Bergsteigen und Klettern in den Alpen.

 

 

 

 

 

August 2010 – Gummistiefel, Schnee und Reis am Äquator

Der erste Blick aus meinem Zimmer fällt auf die schneebedeckte Kuppe des Vulkans Cotopaxi, der über den Dächern Quitos zu thronen scheint. Die Häuser sind grau, die Scheiben im Haus meiner Gastfamilie vergittert, Abgase hängen in der dünnen Luft, dank Jetlag weiß ich nicht, ob es Früh, Mittag oder Abend ist, aber egal – dieser formschöne Berg ist einfach umwerfend! Und die Neugierde auf die nächsten Wochen in Ecuador riesengroß!

Am Abend bei der großen Willkommensfeier zeigt sich, dass wir elf von den Sektionen München-Oberland so einiges von unseren Gastgebern lernen müssen, was Feiern und Tanzen angeht. Noch haben wir die faule Ausrede, dass die Höhe Quitos, ungefähr 2850 m ü. NN., uns zu schaffen macht und wir deshalb auf Salsa und ähnliches erst mal lieber verzichten.
Doch die Ecuadorianer haben sich schon ein tolles Programm überlegt, um uns gut auf Cotopaxi und Co. (und vielleicht weitere Salsa-Abende ...) vorzubereiten. Nach einem Ausflug zur "Mitad del Mundo", der Mitte der Erde, die dummerweise doch nicht auf dem Äquator liegt, geht es auf über 4000 m, auf den Rucu Pichincha, von wo uns die Ausdehnung der Millionenstadt Quito erst richtig bewusst wird. Es folgen weitere Ausflüge: Umrundung der Kraterseen Cuicocha und Quilotoa, Klettern in Sigsipamba, Baden in eiskalten Wasserfällen, kalten Seen und heißen Thermen.
Überraschungen gibt’s so einige! Bei einer mehrtägigen Wanderung durch den Regenwald (erstaunlicherweise vier Tage ohne Regen) stellen wir erstaunt fest, dass man wirklich gut in Gummistiefeln bergsteigen kann. Und dass die Hühner uns dabei nur begleiten, bis das nächste mal "Pollo con Arroz" auf dem Speiseplan steht. Oder dass sich unglaublich viele Personen auf die Ladefläche eines Jeeps am Weg zum 4700 m hohen Imbambura quetschen können.  Unser Proviant – Thunfisch und Bananenchips als Brotzeit, Reis mit Hühnchen morgens und abends – überrascht uns nur an den ersten Tagen, dann haben wir eigentlich schon genug davon.
Zwischen den Tages- und Mehrtagesausflügen haben wir genug Zeit, auf eigene Faust Quito kennenzulernen, unseren Spanisch-Wortschatz zu erweitern und auch mal den ganzen Matsch der Dschungeltour aus den Klamotten zu waschen.
Dann steht die erste große Bergtour auf dem Programm: die Ilinizas. Ein Teil der Gruppe macht sich schon um Mitternacht auf den Weg auf den vergletscherten Iliniza Sur, der andere Teil darf noch ein paar Stunden in den Zelten liegen bleiben, bevor es auf den felsigen Iliniza Norte geht. Egal, auf welchem der beiden 5000er man steht, das Gipfelpanorama ist gigantisch! Chimborazo, Cotopaxi, El Altar, Antisana, und viele andere Vulkane sind bis zum Horizont sichtbar.

 

Fünf Deutsche stehen auf dem Iliniza Sur

 

Als nächstes machen wir uns auf den Weg zum Cayambe, wo sich unser Gipfelglück von den Ilinizas leider nicht wiederholt. Von Kopf bis Fuß von einer Eisschicht überzogen, müssen wir dort alle im Schneesturm umkehren und sind heilfroh, als wir in der Ferne die Lichter des Refugios wiedersehen. Einige unserer Gastgeber waren schon sehr oft am Cayambe und mussten wegen plötzlichem Sturm und Schneefall die Tour abbrechen – das Wetter ist hier einfach unberechenbar.
Doch beim Aufstieg zum Cotopaxi spielt el tiempo (z. dt. das Wetter) wieder mit, und endlich müssen wir uns nicht mehr mit den Blicken aus den Fenstern Quitos auf den Gipfel begnügen, sondern stehen selbst auf der weißen Eiskuppe!
Vom Eis und Schnee geht es weiter zu den letzten Ausflügen. Die Trekkingtour am El Altar verwandelt sich durch den Dauerregen leider in eine rutschige Dreck- und Matschtour, und wir fahren zum Abschluss zum Baden, Biken und Erholen nach Banos. Hier dürfen bzw. müssen wir unsere Salsa-Kenntnisse mal wieder zeigen, wobei sich herausstellt, dass wir das Tanzen in den vergangenen Wochen so gut gelernt haben wie die Ecuadorianer das Schafkopfen



August 2011 – Schlösser, Löcherkalk und Weizen in Deutschland

Ein knappes Jahr später gibt es eine zweite Chance, das verborgene Salsa- oder Schafkopftalent doch noch zu wecken. Acht unserer ecuadorianischen Freunde kommen nach und nach in München an und machen begeistert alle Aktionen mit uns mit. Lederhosen, bayerisches Bier, Brezn und Obazda werden gleich bei der Willkommensfeier an- bzw. ausprobiert und die Stadt so bald wie möglich besichtigt. Leider ist auch das Wetter in Europa diesen Sommer ähnlich unberechenbar wie letzten August am Cayambe, und so laufen die ersten Touren anders ab als geplant. Wir machen mehrere Tagestouren zum Kloster Andechs, zum Schloss Neuschwanstein, wandern am Spitzingsee und hoffen dabei auf wärmere Temperaturen für die kommenden Wochen.
Als es dann zum Klettern in die fränkische Schweiz geht, haben wir endlich Glück! Bestes Kletterwetter! Alle genießen die vier Tage am löchrigen Fels und die Gastfreundschaft auf dem Zeltplatz bei Oma Eichler.
Mit Fels und Kraxelei geht es weiter, denn der Watzmann steht auf dem Programm, dann folgt die Hochtour auf den Großvenediger, wo sich mal wieder zeigt, wie schnell das Wetter in den Bergen umschlägt und es um 11 Uhr beim Abstieg zur Hütte plötzlich gewittert!

 

In Ecuador hatten wir schon ziemlich früh genug vom ständigen Reis – genauso geht es anscheinend unseren ecuadorianischen Freunden mit den Nudeln in Deutschland! Jedenfalls staunen wir sehr als JC an der Hütte im Oberreintal seinen Proviant für die kommenden Klettertage auspackt: fünf Plastikbeutel voll gekochtem Reis! Tja, nach den langen alpinen Touren gibt es abends trotzdem für alle Nudeln mit Tomatensoße ... Anschließend werden Topos studiert, Pläne für den kommenden Tag  geschmiedet und die Abendstimmung bei ecuadorianischem Gesang und Gitarrenspiel genossen. So könnte das noch ewig weitergehen!

Doch bald ist der Austausch vorbei, und wir waren immer noch nicht auf der Zugspitze! Endlich kommt uns kein Neuschnee dazwischen, und diese letzte Tour macht allen – wie auch die anschließende Abschiedsfeier an der Isar – richtig viel Spaß!
Die Ecuadorianer müssen immer noch Schafkopfen lernen und wir das Salsatanzen. Somit gibt es zwei wichtige Gründe, den Kontakt zu unseren Freunden in Quito zu halten – mindestens zwei!



Bericht von Nena Grießinger, September 2011
Fotos von Nena Grießinger, Florian Bayer 

 


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